| Leseprobe | |
![]() | Oliver Tolmein Vom deutschen Herbst zum 11. September Die RAF, der Terrorismus und der Staat 256 Seiten, broschiert EUR 16.50 SFr 30.00 ISBN 978-3-89458-204-3 |
Schuldige Opfer Die Anschläge vom 11. September auf das World Trade Center und das Pentagon, die über 3000 Menschen das Leben gekostet haben, erweisen sich als Terrorismus in des Wortes eigentlicher Bedeutung: Sie bringen Schrecken über die Menschen. Und wie die neonazistischen Terroranschläge in den 70er und 80er Jahren haben auch sie keine Urheber, außer denen, die die Kriminaltechniker und Pathologen ausmachen können. Niemand hat sich bis heute offen zu den Anschlägen bekannt und Erklärungen abgegeben. Niemand hat Forderungen gestellt, auf deren Erfüllung oder Nicht-Erfüllung es in irgendeiner Weise ankäme. Statt der Täter suchten deshalb von Anfang an Friedensforscher, Globalisierungskritiker, Terrorismusexperten und kritische Intellektuelle in Europa, in Asien, Afrika und Lateinamerika, aber auch in den USA die Anschläge zu deuten. Dabei hat sich ein gewisser Konsens in der Interpretation der Massenmorde herausbildet: Spätestens mit Beginn der US-amerikanischen Angriffe auf Afghanistan verliert kaum noch jemand mehr als ein kurzes pflichtschuldiges Bedauern über die Opfer, auch die mutmaßlichen Täter oder deren Motive sind aus dem Blickfeld gerückt. Die Ursachen der Tat, das, was als gesellschaftspolitischer Hintergrund bewertet wird, rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und vor allem die Politik der USA. Stellvertretend für viele stehen hier die in Deutschland an prominenter Stelle veröffentlichten und vielfach zustimmend zitierten Überlegungen der indischen Autorin Arundhati Roy und des französischen Philosophen Jean Baudrillard . Roy und Baudrillard sind keine politischen Aktivisten. Und wir wissen nicht, ob das, was sie zur Erklärung der Attentate äußern, tatsächlich etwas mit den bewußten oder unbewußten Motiven der Täter zu tun hat, der Täter, die wir nach wie vor nicht genau kennen. Ihre Sicht auf die gegenwärtigen weltpolitischen Verhältnisse und deren Konsequenzen ist jedoch so charakteristisch, dass man sie legitimerweise als Ausgangspunkt einer Analyse nehmen kann, die sich mit der Wahrnehmung der Anschläge vom 11. September im linken oder kritisch-bürgerlichen Spektrum beschäftigt. Beide Autoren betonen, dass es ihnen nicht darum gehe, die Attentate zu rechtfertigen. "Man darf den Botschafter nicht mit seiner Kunde verwechseln ... Ich bemühe mich, diesen Prozess zu analysieren”, beschwört Baudrillard seine Leserinnen und Leser, und wir werden wachsam. Baudrillard konstatiert in seinem ersten Text eine "erstaunliche Schadenfreude angesichts der Zerstörung der Supermacht", um sich dann mit Bedacht zu korrigieren: "Selbstzerstörung" sei der treffendere Terminus, denn "sie selbst hat durch ihre unerträgliche Übermacht ... diese ganze Gewalt geschürt ..." Der Philosoph, der an sich selbst den Anspruch gestellt hatte zu analysieren, stellt tatsächlich vor allem Thesen auf und bemüht rhetorische Fragen: "Wenn die Situation so sehr durch das Monopol einer einzigen Weltmacht gekennzeichnet ist ... - welcher andere Ausweg bleibt dann noch als der Übersprung in den Terrorismus?" Baudrillard verknüpft die Zerstörung des World Trade Center mit der Kritik an der ungerechten Weltwirtschaftsordnung. Und, wohl wissend, wie weit die Kritik an dem verbreitet ist, was in der politischen Begrifflichkeit des frühen 21. Jahrhunderts unscharf als "Globalisierung" bezeichnet wird, stellt er, ohne das argumentativ zu untermauern, fest, dass der Anschlag "der Globalisierung selbst" den Kampf angesagt habe. Wobei unklar bleibt, als was er die Täter genau sieht, die er in einem späteren "Spiegen-Online"-Interview als "Wahnsinnige" bezeichnet (und damit auch entschuldigt, denn der Wahnsinnige trägt für sein Tun keine Verantwortung und muß sich auch wegen seines Wahnsinns nicht zur Rechenschaft ziehen lassen, zumal dieser, wieder eine Metapher aus der Pathologie, "dem Irrsinn der Globalisierung" entspringt). Diesen Gedanken variierend gelangt Baudrillard zum Ergebnis, die Zerstörung des World Trade Centers, hinter der keine Ideologie mehr stecke, erweise sich faktisch als Eröffnung eines 4. Weltkrieges, denn es gehe in der gegenwärtigen Konfrontation "unmittelbar um die Herausbildung einer neuen Welt". Auch Roy konzentriert sich in ihrer Stellungnahme zu den knapp und routiniert als "gewissenlos" bezeichneten Selbstmordanschlägen auf die Stellung der USA als Supermacht, und sie verhehlt nicht ihre Abneigung gegen den American Way of Life. Sie räumt zwar ein, daß der einfache US-Bürger und all die US-amerikanischen Schriftsteller, Musiker und Filmschauspieler überall auf der Welt willkommen seien – aber nur, wenn sie "Verständnis für die Gründe des 11. September entwickeln" und nicht "statt dessen das Mitgefühl der Welt nur für ihre eigene Trauer und Rache mit Beschlag belegten". Ähnlich wie Baudrillard qualifiziert sie die Anschläge des 11. September als etwas, was in gewisser Weise nicht von dieser Welt ist, sie bezeichnet es als "monströse Botschaft", die aber, Roy wendet sich wieder dem Hier und Jetzt zu, "die Unterschrift der Geister derjenigen (hätte) tragen können, die Amerikas früheren Kriegen zum Opfer gefallen sind." Jetzt, da die USA Opfer zu beklagen haben setzt sich die Autorin, gegen den vermeintlichen Trend der Zeit und tatsächlich aber doch im Gleichklang mit ihm, mit den Opfern US-amerikanischer Politik auseinander: Sie nennte den Irak, erwähnt die Verantwortung US-amerikanischer Firmen für die Giftgaskatastrophe in Bhopal, der mehr als 16.000 Menschen zum Opfer fielen und akzentuiert die US-amerikanische Unterstützung der Mujahedin gegen die Rote Armee. Auch die "17.500, die der von den USA gedeckte israelische Einfall im Libanon das Leben kostete", werden von Roy als Negativposten in die Bilanz der USA eingestellt. Im Ergebnis erscheint Bin Laden als "der dunkle Doppelgänger des US-Präsidenten", wobei sich der Zorn der Autorin deutlich schärfer gegen die Lichtgestalt richtet. Roy rechtfertigt den Mord an über 3000 Attentats-Opfern nicht, sie relativiert aber das Verbrechen, indem sie es in Beziehung zu anderen, von den USA zu verantwortenden Ereignissen, die viele Menschen das Leben gekostet haben, stellt – ohne die Unterschiede zwischen Industrie-Unfällen, Kriegstoten und geplantem Massenmord auch nur zu erwähnen, geschweige denn sie zu reflektieren und zu gewichten. Nach Lektüre ihres Aufsatzes erscheinen die USA nicht mehr nur als das Land, in dem die Opfer dieser Tat zu Hause waren, sie sind in letzter Konsequenz der Ort der eigentlichen Täter, denn die Verbrechen der USA erst haben, folgt man Roys Gedankengängen, die Voraussetzungen für die gegenwärtigen Verbrechen der Attentäter geschaffen. In Roys Aufsatz bekommen die Anschläge ebenso wie in Baudrillards Überlegungen eine mystische und apokalyptische Dimension: Baudrillard räsonniert über die "absolute Waffe des Todes", die die Attentäter zum Einsatz gebracht hätten, und arbeitet konsequent mit dem Gegensatzpaar "das Gute" und "das Böse". Ausdrücklich bekennt er sich in diesem Zusammenhang zu einer manichäischen Weltsicht und zur Sichtweise der Katharer, einer im 12. Jahrhundert begründeten Sekte, die Satan gleichrangig neben Gott stellte und ein Leben in Armut und Askese predigte. Baudrillards Sympathie für den Manichäismus ist in vielfacher Hinsicht aufschlußreich, begründet doch diese von dem Perser Mani entwickelte Religion eine strikt hierarchisch organisierte Glaubensgemeinschaft, in der die Askese und die Huldigung des Märtyrertodes eine herausragende Rolle spielen. Roys verbale Attacke gegen die USA ist ähnlich pathetisch, wenngleich sie aus einem anderen kulturellen Zeichensatz schöpft. Sie vermengt Sprachbilder aus der Schöpfungsgeschichte mit den Begrifflichkeiten der Fantasy-Kultur. Die Gefahr des biologischen Kriegs vor Augen beschwört sie die Wiederkehr des Mittelalters, warnt sie vor Pocken, Beulenpest und Milzbrand. Bemerkenswert ist, daß etwa drei Jahre nachdem sich die RAF offiziell aufgelöst hat (und andere westeuropäischen Guerilla-Gruppen haben ihr Ende schon früher verkündet ), Anschläge, um einen Begriff der Stadtguerilla aufzugreifen, im ”Herzen der Bestie” verübt werden, denen zumindest eine antiimperialistische Deutung gegeben wird. Und noch etwas fällt auf: Die Herkunft der Flugzeugentführer, die Erklärungen Bin Ladens und die wirtschaftlichen Verflechtungen seiner Al Qaida-Gruppe sprechen dafür, dass die Anschläge einen wichtigen Ausgangspunkt dort haben, wo auch die RAF (und andere deutsche Stadtguerilla-Gruppen, wie der internationalistische Flügel der Revolutionären Zellen) über viele Jahre einen bedeutenden Bezugspunkt hatten: im Nahen Osten. Dort hatten RAF-Mitglieder ihre Ausbildung erhalten, dorthin konnten sich Illegale flüchten, von dort gab es zumindest zeitweilig logistische Unterstützung – und manchmal auch, ob verlangt oder unverlangt kann hier dahinstehen, direkte Hilfe. Noch in ihrer Auflösungserklärung 1998, in der sie vieles aus der Geschichte der RAF kritisch betrachten, halten die RAF-Mitglieder ohne Einschränkungen und kritische Überlegungen, wie sie beispielsweise in der Auflösungserklärung einer RZ von 1991 enthalten sind, an der Verbundenheit mit dem fest, was gemeinhin als palästinensischer Befreiungskampf bezeichnet wird: "Wir werden die GenossInnen der plästinensischen Befreiungsfront PFLP nie vergessen, die im Herbst 1977 in internationaler Solidarität beim Versuch, die politischen Gefangenen zu befreien, ihr Lebeb ließen.” Auch das Ziel der Anschläge erscheint mit Blick auf das Pentagon und das World Trade Center bekannt: Die Vereinigten Staaten von Amerika als stärkste Militärmacht der Welt und maßgebliches Mitglied der NATO waren auch Ziel von Anschlägen der Roten Brigaden, der Action Directe und der RAF. Dass mit der "Antiimperialistischen Zelle" eine Gruppe, die sich selbst als Nachfolgeorganisation der RAF gesehen hat (ohne dass diese Haltung in der deutschen Linken übernommen worden wäre), ausdrücklich Bezug auf den Islam als Befreiungsideologie genommen hat und dass das ehemalige RAF-Mitglied Horst Mahler heute als NPD-Ideologie den "antiimperialistischen Gehalt" der Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon lobt – zeigt immerhin auf, daß es wenn vielleicht nicht gerade Wege, so doch, schlimm genug, Trampelpfade gibt, die von hier nach da führen. Deswegen kann es, den Nahen Osten mit dem dauerhaften und blutigen Konflikt zwischen Israel und Palästinensern im Rücken, die USA im Visier, nicht überraschen, daß die Auseinandersetzungen über Stadtguerilla, bewaffneten Kampf und Terrorismus, insbesondere in Deutschland, auch zu Auseinandersetzungen über Amerikanismus und Anti-Amerikanismus, über Antisemitismus und Zionismus geraten. Die Debatte ist nicht immer produktiv, wie sich an der tagespolitischen Kontroverse zeigen läßt, in der in Deutschland insbesondere in der Linken der Vorwurf, pro-amerikanisch zu sein, mit dem Vorwurf des Anti-Amerikaninismus gekonterte werden kann, auf den dann neuerdings die Warnung von Anti-Anti-Amerikanismus folgt. Sie hat aber grundsätzliche Bedeutung, denn sie thematisiert, wenngleich nicht immer offen, zentrale Fragen emanzipatorischer Politik. Die Auseinandersetzung mit den USA und der US-Politik heute läßt sich nicht lösen von der Betrachtung der Rolle der USA in der Anti-Hitler-Koalition, deren Kampf gegen den Nationalsozialismus gezeigt hat, daß es prinzipiell erforderlich sein kann, militärisch zu intervenieren und auch nach der Beendigung der Kampfhandlungen Souveränitätsrechte vorzuenthalten. Gleichzeitig sind durch den Krieg und das Auseinanderbrechen der Anti-Hitler-Koalition die Voraussetzungen für die heutige weltpolitische Lage geschaffen worden. Gerade, daß diese sich seit der Auflösung der Sowjetunion und dem Niedergang der realsozialistischen Staaten gravierend verändert hat, macht die Verständigung über die Entwicklung Deutschlands seitdem und sein aggressives weltpolitisches Potenzial noch wichtiger, denn kein Land hat durch die Veränderungen nach 1989 einen so gewaltigen Macht- und Bedeutungszuwachs erfahren wie die Bundesrepublik. Aber es geht dabei nicht nur um das Verhältnis Deutschland – USA. Auch die Überlegung, welche Rolle der Nationalsozialismus im Rahmen einer Antiimperialismus-Analyse spielt, weist über die konkreten historischen NS-Verbrechen hinaus und wirft die Frage auf, wie tragfähig die dualistischen Betrachtungsweisen von oben undunten, Herrschenden und Beherrschten, Norden und Süden, Freund und Feind sind, die die gängigen Analysen oft durchziehen. Im folgenden soll deswegen untersucht werden, wie die RAF in ihren Erklärungen die USA und ihr Verhältnis zu Deutschland analysiert hat. Außerdem soll in diesem Zusammenhang die Bewertung des Nationalsozialismus durch die RAF diskutiert werden, wobei vor allem angesichts des heute immer offensichtlichern Rassismus innerhalb der Gesellschaft besonders der Blick auf Antisemitismus und das Verhältnis von Volk zur völkischen Aggression gelenkt werden muß. Dabei kommt es mir darauf an, herauszufinden, inwieweit eine bestimmte antiimperialistische Sichtweise aus einer verkürzten Analyse des Nationalsozialismus folgt. Die Kritik am Antiimperialismus der RAF soll dann in eine Auseinandersetzung mit den globalisierungskritischen Erklärungen für die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon münden. | ||
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